Barnimer Wettbewerb für Illustration

„Bernhard“ winkt mit Preisgeld

Alle Barnimer Schüler aufgerufen, sich zu beteiligen Kinder und Jugendliche aus dem Landkreis Barnim können sich beim Wettbewerb für Illustration des Landkreises Barnim „Bernhard“ beteiligen. Dazu müssen sie nichts weiter machen, als eine der Siegergeschichten der Literaturwettbewerbe aus dem Vorjahr zu illustrieren.
Mit der Geschichte „Die Insel der Pralinen“ haben Dirk Petrick und Martina Göttsching im vergangenen Jahr den Barnimer Literaturpreis „Eberhard“ gewonnen. Diese Geschichte kann als Vorlage genutzt werden. Aber auch die Geschichte von „Das Leben im Schlaraffenland“ von Nele Anouk Reibeholz, die damit den Nachwuchspreis „Bernadette“ gewinnen konnte, kann als Grundlage für eine Illustration genutzt werden.
Beide Texte sowie der komplette Ausschreibungstext sind in allen Schulen des Landkreises sowie im Internet unter www.barnim.de zu finden.
Die Illustrationen sind bis zum 15. März 2018 auf einem bis maximal drei Blättern einzureichen. Als Gewinn winkt eine wertvolle Medaille des Metallkünstlers Eckhard Herrmann sowie 100 Euro Preisgeld. Eine Schule beziehungsweise Klasse kann darüber hinaus für besonders aktive Teilnahme einen Workshop mit einer bekannten Kinderbuchillustratorin gewinnen.

Beste Arbeiten werden ausgestellt

Am 18. April 2018 wird der Preis „Bernhard“ dann in der Kleinen Galerie Eberswalde feierlich übergeben. Dort werden dann auch die besten Arbeiten aus dem Wettbewerb zu sehen sein.

Pressemitteilung 3. Januar 2018



Das Leben im Schlaraffenland

Nele Anouk Reibeholz, 14 Jahre, „Bernadette“-Preisträgerin 2017

Alexander-von-Humboldt-Gymnasium Eberswalde

Meine sehr geehrten Leser, ich möchte Sie nun vorwarnen, dass diese Geschichte vielleicht ihre Ansichten verändert und nichts mit Ihrer Vorstellung des Schlaraffenlandes zu tun hat. Doch als ich gebeten wurde, diesen Text zu schreiben, entschloss ich mich, dass Sie, meine verehrten Leser, die Wahrheit verdient haben. Ich hoffe, dass Sie bereit sind, mich durch meine Erzählung zu begleiten, auch wenn ihr Blick auf diese Welt anders sein wird, als je zuvor.

Nun gut, vielleicht sollte ich mich erst einmal vorstellen: mein Name ist Sirup, was dort wo ich lebe, ein ganz normaler Name ist, also denken Sie bitte nicht falsch über meine Eltern. Meine Familie besteht generell aus hart arbeitenden und gutherzigen Persönlichkeiten. Wie Sie möglicherweise bereits erraten haben, wohnen wir im Schlaraffenland. Nun wird sowohl dem aufmerksamen wie unaufmerksamen Leser der Widerspruch aufgefallen sein: Hart arbeitende Menschen im Schlaraffenland? Als normale Menschen kann man uns nun auch nicht bezeichnen. Wir haben an jeder Hand sechs Finger und nur zwanzig spitze Zähne. Außerdem sind wir sehr dünn und in Menschenaugen ziemlich klein, denn mir ist kein Fall bekannt, der größer als 1,20 m wurde. Ich selbst gehöre mit stolzen 1,10 m zu den sogenannten „Hochgewachsenen“ meiner Art, was leider nicht immer ein Vorteil ist.

Aber ich schweife ab und viele werden bereits vergessen haben, weshalb sie hier mit ungläubig nach oben gezogenen Augenbrauen lesen und sich fragen, wann ich denn endlich zum Punkt komme. Um die Wahrheit zu sagen, ist ein Teil Ihrer Vorstellung, meine verehrten Leser, durchaus wahr. Im Schlaraffenland gibt es wirklich Essen, dass durch die Luft fliegt, aus den Wasserhähnen kommt Himbeerbrause und wenn man an einem besonders bewölktem Tag in den Himmel schaut, kann man dort große Zuckerwattemassen erkennen. Und Sie werden die Menschen, die dort wohnen, sogar zu Recht um ihr Leben beneiden, vielleicht wünschen Sie sich sogar selbst dort zu leben.

Nun muss ich Sie leider enttäuschen, da es nur äußerst wenigen Personen vergönnt ist, in dieser Stadt zu wohnen. Das Schlaraffenland trägt seinen Namen übrigens zu Unrecht und ist tatsächlich nur eine Stadt mit kaum 20.000 Einwohnern. Die Einwohner dieser farbenfrohen Häuser in der Honig-Straße, dem Zuckerwatte-Platz oder was für Namen diesen Orten auch immer gegeben wurden, diese Menschen führen wirklich ein wunderbares Leben. Doch wenn man einen Blick hinter die Fassaden dieser Bauten wirft und in den Innenhof schaut, wird man auch dort farbenfrohe (oder so würde ein Nicht-Schlaraffe meinen) und für ziemlich kleine Wesen geschaffene Hütten vorfinden, aus denen jedoch nur nachts und für etwa vier Stunden ein leises Schnarchen zu hören ist. Jedem Schlaraffen wäre sofort klar, was das verblasste Moosgrün der Hütten bedeutete und würde sich  verächtlich abwenden. Dieser Grünton, den ich ohne seine negative Einsetzung sehr hübsch finden würde, ist die Farbe der „Mikk“, zu denen auch ich mich zähle.

Nachdem ich meine geschätzten Leser nun mit der grundlegenden Thematik vertraut machte, möchte ich Ihnen nun einen Einblick in das Leben hier im Schlaraffenland geben. Wie die Menschen hier ihre Zeit zu gestalten pflegen, wissen Sie vermutlich schon aus diversen anderen Geschichten, da Sie diesen Text ohne ein gewisses Interesse am Thema schon nach fünf Sätzen in eine weit entfernte Ecke Ihres Bücherregals gestopft und nie wieder angerührt hätten. Wie dem auch sei, möchte ich Sie nun auf eine Reise in Ihren Gedanken begleiten.

Wir befinden uns mittlerweile in der Erdbeer-Allee und steuern auf ein orangefarbenes Haus am Ende der Straße zu. Wir betreten das Anwesen und sehen sogleich den Besitzer, der es sich gerade auf der Couch bequem gemacht hat, um sein drittes Frühstück an diesem Morgen einzunehmen. Sogleich wuseln kleine Wesen heran, die die herrlichsten Speisen auf ihren sechsfingerigen Händen herbeitragen.

Unverständlicherweise beschwert sich der Mensch, der uns gegenüber sitzt, über das karge Festmahl, so wie er es fast jeden Tag tut und die kleinen Personen ziehen ihre Köpfe ein und lassen die Strafpredigt über sich ergehen, so wie sie es fast jeden Tag tun. Während der dicke Mann im pfirsichfarbenen Morgenmantel genüsslich sein Frühstück verspeist wenden wir uns der Tür an der linken Seite des Raumes zu und folgen den Mikk, die bereits auf flinken Füßen das Zimmer verlassen. Auf unserem Weg verabschieden sich zwei der Wesen, um eine gewisse Himbeerbrause anzurühren und die Rohre des Hauses von Zuckerresten zu befreien.

Nun folgen wir den restlichen Mikk, die sich zu unterschiedlichen Tätigkeiten aufmachen, die das Leben des Hausherrn erleichtern und ihn etwas freundlicher stimmen sollen. Mit dem Zubereiten der Speisen oder dem Streichen des Zaunes wollen wir uns allerdings jetzt nicht beschäftigen, da ich feststellte, dass es bei diesen Aufgaben nicht viele Unterschiede zur Erledigung im Nicht-Schlaraffenland (Das ist, wie man am äußerst kreativen Namen erkennen kann, alles was sich außerhalb des Schlaraffenlandes befindet) gibt.

Dies drei Mikk ignorieren wir also gekonnt, während sie den Weg in einen rechtsliegenden Gang einschlagen und wenden uns dem verbliebenen Mikk zu. Wir folgen ihm noch ein Stück, bis wir en Innenhof erreichen. Dort nimmt er sich ein kescherähnliches Werkzeug, das an der Wand lehnt und setzt sich einen Helm auf, der ein wenig an einen alten Footballhelm erinnert.

Nach einem kleinen Fußmarsch gelangen wir auf eine Wiese mit allerlei Blumen. Es liegt ein betörender Duft nach Ahornsirup in der Luft, der vermutlich von den Pflanzen ausgeht. Plötzlich fällt über die Blüten, an denen wir gerade gerochen haben, um uns zu vergewissern, ein Schatten, der etwa die Größe einer Waffel hat. Und tatsächlich schwebt dieses Gebäck genau neben uns in der Luft.

Nun können wir sehen, wie sich der Mikk bereit macht: Er springt ab und versucht die fliegende Waffel mit seinem Netz zu fangen. Daneben! Noch einige Zeit muss der Arme das eigensinnige Essen über die Wiese jagen, bis er es endlich erwischt. Möglicherweise erinnert sich der ein oder andere Leser noch an meine Bemerkung, dass es nicht besonders gut sei, groß zu sein und nun können meine
geschätzten Leser vielleicht auch erkennen wieso. Da es für diese Arbeit ein Nachteil wäre, klein zu sein, werden immer relativ große Mikk zu Waffelfängern bestimmt. Leider ist dies aber eine ziemlich anstrengende Arbeit, weil dieses fliegende Gebäck definitiv nicht die Absicht hat, sich essen zu lassen.

Wir gedulden uns noch einige Stunden, bis der Mikk völlig zerschrammt und erschöpft ist, jedoch einen beachtlichen Stapel Waffeln in seinem Körbchen hat und wir den Heimweg antreten können. Nachdem der Hausherr sein Abendessen serviert bekommt und noch diverse andere Arbeiten erledigt werden, die für uns nun nicht weiter von Bedeutung sind, folgen wir den erschöpften Mikk zu ihren moosgrünen Hütten, wo sie nun sofort in ihre Betten fallen. Allerdings ist ein Bett leer. Wir richten unseren Blick auf den Waffelfänger-Mikk, der vor dem einzigen Fenster des Raumes auf dem Boden hockt und mit einem abgebrochenen Bleistift angestrengt auf ein Blatt Papier schreibt. Als wir ihm über die Schulter schauen, können wir in dem fahlen Licht die Worte:“ Mein Name ist Sirup“ erkennen.

Nun, werte Leser, haben Sie einen Eindruck meines Lebens bekommen und möglicherweise hat Ihr Geist nun mit einem Fragenwirrwarr zu kämpfen. Da ich Sie leider nicht kenne und nicht weiß, was denn in Ihrem Kopf vorgeht, wie und ob Sie denken, kann ich die meisten Fragen nicht beantworten, bis auf eine, die mir sehr häufig gestellt wird: „Weshalb macht ihr das?“. Schließlich ergibt es ja keinen Sinn, hart arbeiten zu müssen, während alle anderen Schlaraffen in ihrem Luxus fröhlich vor sich hin leben. Ich kann Ihnen sagen, dass es schon einmal nicht aus finanziellen Gründen ist, denn im Schlaraffenland gibt es keine Bezahlung (in den Erzählungen der Menschen gibt es ja nicht einmal Arbeit) und dass alle Mikk-Familien ihren Hausherrn oder ihre Hausherrin einfach sehr mögen, wäre eine dreiste Lüge.

Der einzige Grund, weshalb wir uns diesen Menschen untertan machen, liegt weit in unserer Vergangenheit. Als die ersten Menschen kamen, die ein sehr reicher Mann, der sich selbst zum „Bürgermeister auf Lebenszeit“ ernannte, geladen hatte, um mit ihm auf diesem Fleckchen Erde zu leben, gab es die Mikk bereits. Allerdings war unser Volk in einer ziemlich großen Krise, da es erst kurz zuvor einen langen Krieg mit einem benachbarten Volk gegeben hatte und zu allem Überfluss befand sich unser König auch noch in einer Selbstfindungsphase, während der er ziemlich komische Entscheidungen traf.

Nun, es war keine schöne Zeit. Jedenfalls wollte der amtierende „Bürgermeister auf Lebenszeit“ das Reich der Mikk vernichten, um sein Schlaraffenland aufbauen zu können. Auch wenn das Reich der Mikk ja ohnehin schon fast zerstört war, hielt der König es für eine gute Idee, sich mit diesem Mann zu verbrüdern. Man kann seine Entscheidungskraft durchaus anzweifeln, da er zum selben Zeitpunkt auch seinen Beratern versicherte, es sei eine ganz hervorragende Idee, sich den Bart violett zu färben. Schließlich schloss also dieser verrückte König einen Vertrag, wodurch er selbst seine Position behalten konnte, jedoch sein restliches Volk den Menschen, unter denen man dies aufteilte, auf ewig als Sklaven unterstellt wurde. Dummerweise gilt dieser Vertrag auch für alle Nachfahren und so hat sich die Situation noch nicht geändert. Bis jetzt haben sich auch alle Mikk an den Vertrag gehalten, was nicht etwa mit Magie zusammenhängt, sondern einfach mit der Tatsache, dass wir uns an Versprechen halten, was viele Menschen allerdings nicht nachvollziehen können,.

Nun wollte ich eigentlich noch eine passende Moral schreiben, wie man das eben so macht, damit weniger Interpretationsraum übrig ist, allerdings ist mir nun aufgefallen, dass ich selbst nicht so genau weiß, was ich denn eigentlich mit dem Text bezwecken wollte. Manche würden sagen, dass es ein Hilferuf oder ein Schrei nach Gerechtigkeit sei, aber das wäre eine Lüge und ich wollte es bei der Wahrheit belassen.

Ich hoffe einfach, dass Sie nun wissen oder noch einmal daran erinnert werden: Egal wie perfekt etwas zu sein scheint, alles und jeder hat Fehler.

 

Die Insel der Pralinen

Dirk Petrick und Martina Göttsching (Berlin)

 „Noch ein Hauch Vanille, und die Mixtur ist perfekt!“, sagte die Pralinenbäckerin voller Vorfreude zu sich selbst. Wie immer in der Nacht zum Vollmond fertigte sie Pralinen in ihrer kleinen Hütte am Fuße des Vulkans. Alle Bewohner der Insel Senanghi liebten diese nach Kakao und Vanille duftenden, zartschmelzenden Kugeln. Die Rezeptur wurde seit Jahrhunderten in ihrer Familie vererbt, genau wie das Wissen über die Auswahl der richtigen Kakaopflanzen. Etliche Sorten wuchsen zwischen den Kräutern und Büschen am Hang des Vulkans und sorgten für einen köstlichen Geschmack mit immer unterschiedlicher Note.

Gerade griff die Pralinenbäckerin mit einem Leinentuch als Hitzeschutz nach dem kleinen Kessel, in dem die Schokoladenmasse über der Feuerstelle blubberte, da klopfte es überraschend an der Tür.

„Ihr könnt es wohl gar nicht abwarten! Die Pralinen sind noch nicht fertig!“, rief sie sofort und stellte dabei den Kessel auf ihren alten Holztisch. „Öffnet die Tür! Ich brauche Hilfe!“, hörte sie eine tiefe Stimme erschöpft antworten. Sie folgte der Bitte und sah sich einem jungen Mann gegenüber, der einen langen schwarzen Mantel mit eingewebten dünnen Goldfäden trug. Sein schulterlanges dunkles Haar war wie seine Kleidung vollkommen durchnässt. „Was ist mit euch geschehen?“, fragte die Pralinenbäckerin besorgt. „Ein Sturm hat letzte Nacht mein Schiff zerstört. Ich schaffte es mit letzter Kraft an den Strand und suche nun eine Bleibe für die Nacht.“

„Natürlich, kommt herein, ruht euch aus und zieht etwas Trockenes über! Vielleicht steht euch der Sinn nach ein paar Pralinen. In ein paar Minuten sind die ersten fertig. Ich bin sicher, sie werden euch gut tun.“ Und wie sie das taten! Kaum hatte er den ersten Bissen genommen, rief der Mann begeistert: „Solch köstliche Pralinen habe ich noch nie gegessen. Macht mehr davon, dann will ich mit euch Handel treiben!“ Die Pralinenbäckerin fühlte sich geschmeichelt, dachte jedoch an die überlieferte Familientradition: „Diese Leckerbissen fertige ich nur einmal im Monat, so habe ich es meiner Mutter und diese ihrer Mutter versprochen.“ Der Mann ließ nicht nach: „Warum wollt ihr den Menschen diese Köstlichkeiten vorenthalten? Fertigt mehr, dann sollen euch die zarteste Seide und die prächtigsten Möbel gehören! Bald wird jeder euren Namen ehren, und zahlreiche Diener werden euch die Arbeit abnehmen.“ Die Pralinenbäckerin dachte bei sich: „Was soll schlecht daran sein, wenn alle meine Pralinen mögen? Nichts liebe ich mehr, als meine Schokolade anzurühren. Es ist an der Zeit, dass ich mehr davon habe als ein Dach über dem Kopf…“ So willigte sie schließlich ein.

Um mehr Pralinen zu machen, brauchte die Bäckerin mehr Kakao. Sie wählte die stärkste Kakaopflanze am Hang aus und vermehrte sie so, dass diese Sorte den gesamten Vulkanhang überwucherte. Säckeweise erntete sie die Kakaobohnen, trocknete und mahlte sie wie im Fieberrausch. Ihr kleiner Kessel war viel zu klein, um so viel Schokolade auf einmal herzustellen. „Wenn deine Feuerstelle nicht mehr ausreicht, denke groß!“ sagte der junge Mann. Und die Pralinenbäckerin dachte groß: Aus all ihren Kesseln hämmerte sie einen einzigen, riesigen Kupferkessel und hängte ihn an einer selbst gezimmerten Konstruktion aus feuerfestem Holz über den Schlund des Vulkans. Wenig später waberte darin eine riesige Masse feinster Schokolade.

Das Treiben auf dem Vulkan blieb den Inselbewohnern nicht verborgen. Seit Wochen hatte sich die Pralinenbäckerin nicht blicken lassen und auch keine ihrer Vollmond-Pralinen verteilt. „Ich werde nach dem Rechten sehen“, beschloss schließlich der Inselälteste, ein hagerer Mann mit grauem Haar und klugem Blick. Die tapferste Jägerin der Insel bot an, ihn zu begleiten: „Der Weg zum Vulkanhang ist zu gefährlich für dich allein! Ich komme mit“, sagte sie energisch und griff nach ihrer Armbrust. Auf der Hälfte der Strecke trafen sie eine alte Kräutersammlerin, die auf einem Stein saß und mutlos in einen leeren Korb blickte. „Warum so bedrückt, Mütterchen?“, fragte die Jägerin. „Ach, auf dem ganzen Hang will kein anderes Kraut mehr zwischen den Kakaopflanzen wachsen. Es ist ein Jammer!“ Nun sahen auch der Älteste und die Jägerin, dass der ganze Vulkan von einem ungeheuren Feld der gleichen Kakaosorte überzogen war. „Komm mit uns, wir müssen mit der Pralinenbäckerin sprechen!“, lud der weise Älteste die Kräuterfrau ein, sich ihnen anzuschließen.

Bald erreichten sie die Hütte, aus deren Fenstern verlockender Pralinenduft zog. Noch bevor sie anklopfen konnten, sprang der Mann im schwarzen Mantel heraus und rief: „Für Besucher haben wir keine Zeit!“ Die Jägerin ließ sich nicht so leicht abwimmeln. „Was geht da drinnen vor?“, entgegnete sie entschlossen und hob drohend ihre Armbrust. „Nun, wir machen Pralinen!“, antwortete der Mann abweisend. „Das ist unverkennbar,“ mischte sich der Älteste ein. „Wo blieb die letzte Lieferung? Seit wann wird die Schokolade nach dem Vollmond angerührt? Hier stimmt etwas nicht!“ Da griff der Mann im schwarzen Mantel hinter sich und reichte den beiden einen großen Karton mit Pralinen. „Für euch! Lasst sie euch schmecken und verschwindet!“ „Du glaubst doch nicht, dass wir uns damit bestechen lassen?“, entrüstete sich die Kräutersammlerin. „Viel lieber wäre es mir, wenn ihr eure Kakaopflanzen ausdünnt. Sie nehmen allen anderen Kräutern den Raum zum Wachsen!“ „Ausdünnen?“ wiederholte der Mann im Mantel schockiert. „Niemals!“ Hektisch griff er in seinen Mantel und holte drei besonders schöne Pralinen hervor. „Probiert die hier, und ihr werdet verstehen, warum es sich lohnt, die Pflanzen wachsen zu lassen.“ Da der Weg lang gewesen war und die drei Wanderer so lange keine Pralinen mehr gegessen hatten, konnten sie nicht wiederstehen. Gleich setzte ein „Mmmhh“ und „Ahhh“ ein, und ihre Sorgen waren wie weggeblasen. „Hab ich euch zu viel versprochen?“ setzte der Mann nach. „Sie sind wirklich köstlich! Gebt uns davon ein paar Kartons, ich kann sie gut in meinen leeren Korb stapeln“, sagte die Kräuterfrau eifrig. „In Ordnung. Wenn ihr alle Inselbewohner mit diesen Leckerbissen versorgt, werden wir euch nicht mehr belästigen“, stimmte der Älteste zu. Auch die Jägerin konnte ihren Blick nicht mehr von den Pralinen wenden. Mit so viel Pralinenkartons beladen, wie sie nur tragen konnten, machten sich die drei auf den Rückweg.

Kartons über Kartons standen in der kleinen Küche, gefüllt von immer neuen Kreationen der rastlosen Pralinenbäckerin. Von Zeit zu Zeit verschwand der geheimnisvolle Mann mit einigen der Kisten und brachte ihr im Gegenzug tatsächlich all die schönen Dinge, von denen er gesprochen hatte. „Was für ein wunderschöner Bezug!“, schwärmte die Bäckerin, als er ihr einen eleganten Stuhl mit einem mattblau schimmernden Sitzpolster überreichte. „Das ist seltene Schmetterlingsseide“, erklärte der Mann, und die Hausherrin staunte noch mehr. Bevor sie den schönen Stuhl probesitzen konnte, fiel ihr Blick auf die Schokolade, die auf dem Tisch gerade dabei war, fest zu werden. „Oh, erst muss ich die Pralinen formen!“ rief sie aufgeregt und wandte sich ihrer Arbeit zu. „Natürlich!“ pflichtete ihr der Mann bei und lächelte zufrieden.

Immer mehr Kakaobohnen reiften am Vulkanhang, immer mehr Kakaomasse und weitere Schokoladenzutaten füllte die Bäckerin in den großen Kessel über dem Schlund. Bald quollen die ersten Tropfen über. Anfangs nur vereinzelt, dann wurden es mit jeder gemahlenen Bohne, die hinzukam, mehr. Doch das störte die junge Frau nicht in ihrem Eifer. Keine Pause gönnte sie sich, bis sie tiefe Ringe unter den Augen bekam und vor Erschöpfung schwankte. Plötzlich war es so weit: In einem großen Schwall ergoss sich die Schokolade in den Vulkan, als die Bäckerin gerade in ihrer Hütte bei der Verarbeitung der Süßigkeiten war. Und was war das? Aus der Lava, die unter dem gigantischen Kessel brodelte, sprangen kleine, orangerote Feuerteufel mit leuchtenden Augen heraus! Mit ihrem funkensprühenden Atem heizten sie den Vulkan an, voller Zorn über die klebrige Schokolade, die in ihr Zuhause tropfte. Wild sprangen sie neben dem Krater auf und ab, rannten wütend den Hang hinunter und spuckten dabei Lava in die Luft. Bald brannten schon die ersten Pflanzen. Als die Pralinenbäckerin aus dem Fenster sah, entdeckte sie die lodernden Flammen auf dem Vulkan. Sie ahnte auch gleich, was die Wut der Feuerteufel entfacht hatte. „Es ist meine Schokolade! Ich muss den Kessel vom Schlund nehmen, sonst sind alle Kakaopflanzen in Gefahr!“ „Aber nein, so schnell breitet sich das Feuer nicht aus“, beruhigte der Mann im schwarzen Mantel die besorgte Frau. „Sollen die Feuerteufelchen doch spucken, das wird ihnen bald langweilig werden. Hier, iss erst mal eine Praline.“ Da beruhigte sich die Pralinenbäckerin und füllte weiter Schokoladenkugeln mit Bananencreme.

Nicht alle auf der Insel unterlagen dem Zauber des fremden Mannes. Vom palmengesäumten Ufer näherte sich ein kleiner Junge der Hütte am Hang. Er trug nichts außer einem Lendenschurz und war kein gewöhnlicher Bewohner der Insel. Niemand wusste, wer seine Eltern waren oder wo er genau lebte. Dabei war er in Zeiten großer Gefahr den Inselbewohnern schon oft zu Hilfe geeilt. „Kommt heraus!“, rief er ruhig, aber bestimmt, als er die Hütte erreichte. Mit einem falschen Lächeln trat der Mann im Mantel heraus und zog hinter sich die Tür heran, so dass der Junge die vielen Kartons nicht sehen konnte, die sich inzwischen bis zur Decke stapelten. „Nehmt sofort den Kessel vom Vulkan, sonst wird diese Insel untergehen!“, sprach der Junge, als dulde er keinen Widerspruch. Da griff der Mann wieder in seinen Mantel und holte eine grüne Praline heraus. „Schau, die hier ist nur für dich“, versuchte er den Jungen zu verlocken. Der verzog keine Miene. „Dein Zauber hat keine Macht über mich. Lass mich mit der Pralinenbäckerin sprechen!“ „Sie hat zu tun!“, wiegelte sein Gegenüber ab. „Aber vielleicht hast du Lust, uns zu helfen? Bist du es nicht leid, wie ein Bettler durch den Dschungel zu ziehen? Wie gut würden dir Hemd und Hose aus Damast stehen! Begleite mich auf meine Reisen über die Meere, dann wirst du leben wie ein König!“ Die Worte des Mannes zeigten keine Wirkung. Mit einem letzten rätselhaften Blick machte sich der Junge auf den Weg zum Dorf des Inselältesten.

Dort angekommen, fand er die Bewohner in Hängematten dösend vor. Sie schaukelten in der Stille des Tages vor sich hin und griffen ab und zu in die Kartons, die neben ihnen auf dem Boden standen. Ihre Hände waren mit Schokolade überzogen. Der Inselälteste hatte einen kugelrunden Bauch bekommen und lag schnarchend im Gras neben seiner Hütte. Die sonst so energiegeladene Jägerin lehnte mit schokoladebeschmiertem Mund an einem Baum. Mit den Pfeilen ihrer Armbrust versuchte sie ein paar Pralinen aufzupicken, die neben einem umgekippten Karton im Gras lagen. Ein Stück weiter traf der Junge die Kräutersammlerin an. Sie hatte sich ihren Korb um den Hals gelegt und neigte nur ab und zu den Kopf, um eine der Pralinen darin zu essen. Der Junge seufzte traurig, hatte sich aber bald wieder gefasst. Laut rief er: „Steht auf, wir müssen die Insel retten! Die Feuerteufel kommen!“ Niemand reagierte auf seine Warnung. Er ging zum Inselältesten und rüttelte ihn, um ihn zur Vernunft zu bringen. Dieser murmelte nur: „Iss eine Praline! So…lecker…“ „Das hat keinen Sinn“, dachte der Junge bei sich und ging alleine zurück zum Vulkan, um den Schokoladenkessel vom Schlund zu hieven. Aber der Weg den Hang hinauf wurde ihm von drei Feuerteufeln versperrt, die ihm zornig Funken entgegenspien. „Hier komme ich nicht weiter!“ sagte der Junge zu sich. „Wenn die Pralinenbäckerin nur wüsste, was sie anrichtet.“ Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. „Ich muss ihr zeigen, in welcher Gefahr wir sind!“ Auf der Stelle fing der Junge an, die Feuerteufel zu ärgern. Er streckte seine Zunge raus und verzog sein Gesicht zu den fürchterlichsten Grimassen. Erbost sprangen die kleinen orangeroten Wesen auf den Jungen zu. Der wich aber zurück und lockte sie auf einem steinigen Pfad den Hang hinunter, bis die Hütte der Pralinenbäckerin zu sehen war. Hier standen die schönsten Kakaopflanzen, deren Blätter unter dem Funkenregen der Feuerteufel zu glimmen anfingen. Da ging die Tür der Hütte sperrangelweit auf, und der geheimnisvolle Besucher trat entschlossen heraus. Er löste die Knöpfe seines inzwischen mit dicken Goldfäden bedeckten Mantels, aus dem plötzlich eine gewaltige Meereswelle auf den Jungen zuschoss. Die Woge rollte über ihn hinweg und löschte die Glut der Feuerteufel aus. Von den kleinen Wesen blieb nur etwas grauer Schlamm zurück. Die Pflanzen voller Kakaobohnen hingegen standen da, als wäre nichts passiert. Das Tosen der Welle hatte die Pralinenbäckerin von der Arbeit abgelenkt. „Was ist denn da los?“, fragte sie mit müder Stimme und näherte sich der Tür. Ihre früher glänzenden Haare waren stumpf und von grauen Strähnen durchzogen. „Sorg dich nicht, hier ist alles in bester Ordnung!“ rief ihr der Mann zu und versuchte, ihr den Blick zu verstellen. Sie trat an ihm vorbei und sah den kleinen Jungen, der reglos vor ihrer Hütte lag. „Was hast du getan?“ rief sie erschrocken. Der Mann versuchte, sie zurück in die Hütte zu drängen, doch die Bäckerin stieß ihn beiseite. Sie sank vor dem Jungen auf die Knie und hob seinen Kopf in ihren Schoß. „Kannst du mich hören?“, flüsterte sie ihm zu und streichelte seine Wange. Der Junge begann zu husten und erbrach Meerwasser auf die Schürze der Pralinenbäckerin. Diese war erleichtert wie schon lange nicht mehr. „Jetzt wird alles wieder gut“, stieß sie hervor. „Du wirst wieder gesund, das verspreche ich dir!“ Der Junge lächelte. „Es geht ihm schon besser, denk lieber an deine schönen Pralinen! Sonst wird die Schokolade zu fest“, drängelte der Mann. Die Bäckerin blickte auf die Kakaopflanzen, die alles in Sichtweite zuwucherten, als sähe sie diese zum ersten Mal. Dann erhob sie sich mit dem Jungen in den Armen und wandte sich wortlos in Richtung Dorf. „Komm sofort zurück!“, tobte der Mann, aber die Pralinenbäckerin hörte nicht auf ihn. Als sie das Dorf erreichte, bot sich ihr das gleiche Bild wie zuvor dem Jungen. Wie benommen lagen die Bewohner in ihren Hängematten zwischen den schokoladenverklebten Kartons. Da legte die Pralinenbäckerin den kleinen Jungen sanft in einer der Hängematten ab und griff in ihre Schürzentasche. Jedem Dorfbewohner steckte sie eine tiefdunkle Bohne in den Mund. Diese begannen teilnahmslos zu kauen und zuckten dann erschrocken zusammen, als sich ein bitterer Geschmack auf ihren Zungen entfaltete. Zufrieden sah die Pralinenbäckerin zu, wie sich ihre Freunde langsam aus den Hängematten schälten, gähnten und ihre müden Gliedmaßen streckten. Sie blickten einander an und staunten: Überall war Schokolade verteilt, auf der Haut, in den Haaren und auf der Kleidung. Der Dorfplatz und die Gärten waren übersät mit zerquetschten Pralinen und zerdrückten Kartons. Auf den Pfaden, die lange niemand mehr gepflegt hatte, hatten sich Kakaopflanzen ausgebreitet. Auf einmal hörten sie ein bedrohliches Grollen und spürten, wie die Erde leicht zu beben begann. Da stand der Junge vor ihnen, der sich wieder erholt hatte. „Wir müssen zum Vulkan!“ rief er, „die Feuerteufel sind erzürnt und werden die Insel abbrennen!“ Dieses Mal wirkten seine Worte. „Wir müssen meinen Kessel vom Schlund ziehen, nur damit können wir sie beruhigen“, erklärte die Pralinenbäckerin und führte die Menschen an, die sich langsam in Marsch setzten. Nun spürten sie, wie lange sie fast reglos in ihren Hängematten gelegen hatten. Auch der ausgezehrten Bäckerin fiel es schwer, den Hang des Vulkans zu erklimmen. Immer wieder begegneten ihnen aufgebrachte Feuerteufel, die nicht verstanden, dass die Inselbewohner ihnen eigentlich helfen wollten. Die tapfere Jägerin und der weise Inselälteste taten ihr bestes, einen Weg zu bahnen. Die Pralinenbäckerin hielt dem Jungen schützend ihre Schürze über den Kopf. Erschöpft und mit einigen leichten Verbrennungen schafften es die Inselbewohner schließlich zur Spitze des Vulkans. Sie stellten sich auf einer Seite des Kessels auf, schützten ihre Hände notdürftig mit abgerissenen Teilen ihrer Kleidung und drückten mit aller Kraft gegen die kupferne Wand. So gelang es ihnen gemeinsam, das riesige Gefäß über den Kraterrand zu bugsieren. Und das im letzten Moment: Schon ergoss sich die heiße Schokolade über den Hang und begrub hunderte Kakaopflanzen unter sich. Die Feuerteufel hatten das Geschehen aufmerksam verfolgt und tanzten nun fröhlich über den Rand hinunter in den Schlund des Vulkans, der sich bald beruhigte. „Wir haben es geschafft!“ rief der Junge fröhlich. „Unsere Insel ist gerettet!“, stimmte die Kräuterfrau überglücklich zu. Alle lagen sich in den Armen, lachten und weinten abwechselnd vor Freude. Nur die Pralinenbäckerin hatte sich ein Stück zurückgezogen, denn sie schämte sich sehr. Da fasste der kleine Junge sanft ihre Hand und wisperte: „Du hast mich gerettet, als es darauf ankam. Das alleine zählt!“ Da konnte sie wieder lächeln und in den Freudengesang der Inselbewohner einstimmen. Und der Mann, mit dem alles anfing? Er verschwand genauso plötzlich im Meer, wie er gekommen war. Kein goldener Faden schimmerte mehr im Stoff seines nachtschwarzen Mantels. Bevor er in den Fluten versank, richtete er den Blick auf den Horizont und flüsterte: „Ich komme wieder! Schon bald werden mich andere willkommen heißen…“

~ Ende ~