Erstes Treffen des Bernauer Dialogs

Erstes Treffen des Bernauer Dialogs

Unter dem Motto „Wie wollen wir in unserer Stadt leben?“ traf sich auf Initiative von Dr. Dagmar Enkelmann zum ersten Mal der „Bernauer Dialog“.

Den überparteilich angelegten Dialog zur Stadtentwicklung eröffnete der Soziologe Dr. Dieter Korczak mit einer kurzen wissenschaftlichen Einführung.

Die Bürger von Bernau sind durch die Nähe zu Berlin in der Lage, sowohl die ruhige Lage in der Natur, als auch die Vorteile der Nähe zur Großstadt zu genießen, resümierte Dr. Dieter Korczak. Weitere wichtige Aspekte des Lebens in der Stadt seien die Atmosphäre des Ortes (43%), die Grünflächen in der Stadt (38%) und die von Stadtmauern umgebene Altstadt (32%).

Durch gesellschaftliche Entwicklungen wie die Pluralisierung von Lebensstilen, Individualisierung, Entsolidarisierung und den Folgen des demografischen Wandels sowie durch die Zunahme von Wanderungen (Migration) und Pendlerströmen ständen die Städte gegenwärtig vor besonderen Herausforderungen. Bedrohlich für die soziale Kohäsion (Zusammenhalt) in der Stadt seien die Gentrifizierung und Segregation. Mit diesen Fachausdrücken werden die Verdrängung alteingesessener Bevölkerungsgruppen aus Wohngebieten durch Einkommensstärkere sowie die Entmischung von Stadtquartieren nach Status, Bildung, Einkommen oder Religion beschrieben. Wachsende Städte benötigen deshalb eine Stärkung der Nachbarschaften, die Akzeptanz von Vielfalt, Teilhabegerechtigkeit sowie die Stärkung des Zusammenhalts durch Beteiligungsverfahren. Stadtverwaltungen können unter anderem durch größtmögliche Transparenz (Stichwort: Open Data) dazu beitragen.

In der lebhaften Diskussion, die sich an den wissenschaftlichen Einstieg anschloss, wurden vor allem der Nachbarschaftsgedanke, die Umorientierung der Verkehrsplanung, sowie Konsequenzen aus dem in 2014 vorgelegten Bernauer Sozialreport thematisiert.

Positiv hervorgehoben wurde die vorhandene Identifizierung mit und in einzelnen Stadtvierteln wie dem Puschkin-Viertel oder Friedenstal. Dort funktionierten die Unterstützungsnetzwerke, das Infrastrukturangebot sei auch gut und die aus alten Arbeits- und Lebenszusammenhängen vorhandene Eigeninitiative habe sich auch bewährt. Andererseits würden mit einem Quartiersmanagement die Identifikation erhöht, auf den Bewohnerwandel reagiert und Eigeninitiativen aufrechterhalten werden. Aufgabe eines solchen Quartiermanagements könne es unter anderem sein, Zusammenkünfte oder Straßenfeste (ohne Kommerz) zwischen den Bewohnern zu organisieren, „Treppen-Cafes“ sowie „urban gardening“ anzuregen, frei verfügbare Plätze und Räumlichkeiten für Nachbarschaftstreffen und Vereine ausfindig zu machen. Auch der Vorschlag, öffentlich zugängliche Büchertausch-Orte/ Bücherschränke einzurichten, könnte vom Quartiersmanagement realisiert werden.

Die Zukunft der Mobilität nahm breiten Raum im Dialog ein. Zum einen wurde die Verwirklichung einer geschlossenen Transportkette angeregt, in der Bahn- und Busfahrpläne aufeinander so abgestimmt sind, dass auch die Außenbezirke von Bernau gut angeschlossen sind. Es wurde darauf hingewiesen, dass es keine übersichtlichen und leicht lesbaren Fahrplaninformationen, auch nicht am Bahnhofsplatz, gäbe. Dies sei nicht nur für Einheimische, sondern auch für Besucher der Stadt Bernau sehr lästig. Bemängelt wurde auch, dass der ÖPNV nicht barrierefrei für Seh- und Hörbehinderte sei. Die Möglichkeiten der kommunalen Verkehrsplanung in Bernau könnten erheblich verbessert werden, wenn die einzelnen Stadtausschüsse bei der Beurteilung von Maßnahmen besser miteinander kommunizieren würden. Es wurde außerdem betont, dass mehr Frauen an der Verkehrsplanung beteiligt werden sollten. Die Sichtweise in der Verkehrsplanung sei zu sehr am Blick autofahrender Männer ausgerichtet.

Die am Dialog teilnehmenden Vertreter des ADFC regten an, Bernau fahrradfreundlicher zu machen. Das erste Fahrradparkhaus in Brandenburg sollte durch eine gezielte Förderung des Fahrradverkehrs ergänzt werden. Dazu gehöre zum Beispiel die konsequente Einrichtung des Tempo 30 km in der Innenstadt. Es sollte auch darüber nachgedacht werden, den Berufs- und Privatverkehr innerhalb der Stadtmauern völlig zu beruhigen, die Innenstadt als autofreie Zone zu erklären. Erfolgreiche Beispiele dafür gäbe es zuhauf (z.B. Helgoland, Hiddensee, Lucca in Oberitalien, Zermatt in der Schweiz). Gegenwärtig sei ein sicheres Fahrradfahren in der Stadt Bernau nicht gewährleistet.

Die Teilnehmenden des Bernauer Dialogs waren sich einig, dass die einzelnen Diskussionsbeiträge als Bausteine für die Formulierung einer stadtplanerischen Vision genutzt werden können. Der ADFC würde es am liebsten sehen, wenn die Überschrift dazu lauten würde: Bernau – die erste Stadt mit Tempo 30.

Die wissenschaftlich fundierte Einführung und lebhafte Diskussion zeigten, wie wichtig den Teilnehmenden der Nachbarschaftsgedanke, Mobilität und Verkehrsplanung sowie die Fortschreibung des Sozialreports ist.

Der nächste Bernauer Dialog wird im April 2015 stattfinden.

Quelle: Die Linke/von Dr. Dieter Korczak

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